Selbstverletzung psychologie

Auch wenn drei Viertel der Jugendlichen erst im Alter zwischen 13 und 15 Jahren damit beginnen, sich selbst zu verletzen, kann diese Form, mit emotionalem Druck umzugehen, bereits im Kindesalter anfangen. Der Wunsch, Aufmerksamkeit zu bekommen, wird allerdings von den wenigsten Jugendlichen formuliert. Im Gegenteil: Sie versuchen, ihre Wunden zu verstecken. Und für Eltern ist es oft schwierig, angemessen mit den Selbstverletzungen ihrer Kinder umzugehen.

Darüber, warum die Zahlen in Deutschland so hoch sind, gibt es bislang noch keine Erkenntnisse. Die Forschung geht davon aus, dass es beim ersten Kontakt mit selbstverletzendem Verhalten so etwas wie eine soziale Ansteckung gibt durch Freundinnen oder Klassenkameraden. Auf Social Media gibt es zudem Apps, Blogs und YouTube-Videos, in denen sich die Jugendlichen über Selbstverletzung austauschen.

Doch es gibt keine verlässlichen Daten, dass diese Social-Media-Kanäle das selbstverletzende Verhalten verstärken könnten. Auf den ersten Blick scheint selbstverletzendes Verhalten vor allem bei Mädchen vorzukommen. Junge Männer begeben sich jedoch seltener in Behandlung und verstecken ihr selbstverletzendes Verhalten. Oder sie sind aggressiv gegen andere Personen als sich selbst.

Nicht immer sind es schwere traumatische Erfahrungen, die zu selbstverletzendem Verhalten führen. Bereits subtilere Formen von Gewalt können ausreichen, wie Paul Plener betont. Dazu gehört vor allem die emotionale Misshandlung von Kindern, die einen direkten Risikofaktor für selbstverletzendes Verhalten darstellt.

Eine emotionale Misshandlung ist zum Beispiel das Herabwürdigen, das Nicht-Wahrnehmen von Gefühlslagen oder auch Vergleiche anstellen mit Geschwisterkindern, so Paul Plener. Entsprechend häufig treten gleichzeitig zu selbstverletzendem Verhalten andere psychische Erkrankungen auf wie Depressionen oder Borderline-Störungen.

Eine wirksame Form der Behandlung ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie DBT , die in den er-Jahren für selbst- und fremdgefährdendes Verhalten und Borderline-Störungen entwickelt wurde. Sie verbindet verhaltenstherapeutische Ansätze mit asiatischen Meditationsformen. Die Psychologin Lea Schregle arbeitet damit mit ihren jugendlichen Patientinnen am Mannheimer Zentralinstitut im sogenannten Adoleszentenzentrum.

Ihre Patientinnen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren kommen aus ganz Deutschland. Auch im Haus Jella in Stuttgart wird mit den Methoden der Dialektischen Behavioralen Therapie gearbeitet. Wichtig ist im Gespräch zu bleiben bzw. Wenn die Jugendlichen merken, dass sie auf sich aufmerksam machen und deutlich geworden ist, dass es ihnen schlecht geht, kann es sein, dass sich das Ritzen wieder gibt.

Vorwürfe sind fehl am Platz, denn Selbstverletzung ist immer ein Hilferuf, sodass es wichtig ist, möglichst neutral darüber zu sprechen. Wenn nötig, sollte man sich professionell Hilfe suchen, über den Hausarzt, eine Beratungsstelle oder auch die Telefonseelsorge.

Selbstverletzendes Verhalten: Das steckt dahinter

Vielen Betroffenen fällt es leichter, sich anonym Rat zu holen, wie über eine Online-Beratung. Wichtig: Hinter dem Ritzen stecken nur sehr selten Selbsttötungsabsichten Walter, Siehe dazu das Arbeitsblatt Selbstverletzendes Verhalten. Levenkron, Steven Der Schmerz sitzt tiefer. Selbstverletzung verstehen und überwinden. Kösel Verlag. Plener, P. Selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter.

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 38 2 , Selbstverletzendes Verhalten, Erscheinungsformen, Ursachen und Interventionsmöglichkeiten. Klinische Kinderpsychologie Band 9. Göttingen: Hogrefe. Stangl, W. Selbstverletzendes Verhalten. Die Psychologieprofessorin leitet die gegründete Landauer Psychotherapie-Ambulanz für Kinder und Jugendliche. Das Erforschen und Therapieren von selbstverletzendem Verhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist eines der Schwerpunktthemen in der Ambulanz.

Das Landauer Team ist auch Partner im bundesweiten STAR-Projekt Self-Injury, Treatment, Assessment, Recovery , in dem gefördert vom Bundesforschungsministerium BMBF die Wirksamkeit von Online-Beratung sowie aufrechterhaltende Faktoren im Längsschnitt untersucht werden. Das wollen die Forschenden im STAR-Projekt ändern. Klinisch relevant wird das Verhalten nach aktuellen Forschungskriterien, wenn sich Jugendliche ab fünf Tagen im Jahr selbst verletzen.

Zum selbstverletzenden Verhalten zählen Ritzen, Schneiden und Kratzen, was typisch für weibliche Jugendliche ist.

Selbstverletzung: Symptome, Therapie:

Häufig verbrennen sich Jugendliche auch selbst. Dazu kommen Verhaltensweisen, die nicht eindeutig sind, beispielsweise wenn sich junge Menschen Wunden wiederholt aufkratzen. Eine massive Form, wenn auch seltener, ist das Schlucken von Klingen. Das Gros der Jugendlichen fängt zwischen zwölf und 14 Jahren an, sich erstmals selbst zu verletzen.

Die Forschung zu selbstverletzendem Verhalten ist noch relativ jung, erklärt In-Albon. Mit den entwickelten Forschungskriterien wurde die Betrachtung des schon lang bestehenden und weit verbreiteten Verhaltens trennschärfer. Viele aktuelle Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit der Frage, ob selbstverletzendes Verhalten etwas Eigenständiges ist oder ein störungsübergreifender Aspekt, der mit weiteren Störungen einhergeht.

Selten verletzten sich Jugendliche mehrfach, die keine anderen psychischen Störungen aufweisen. Viele hätten depressive Störungen, Angststörungen, traumatische Störungen und im späteren Verlauf Persönlichkeitsstörungen wie Borderline. Im selbstverletzenden Verhalten sehen betroffene Jugendliche eine Strategie, die zumindest kurzfristig dabei hilft, mit diesen Emotionen umzugehen.

Solche Situationen können sein, wenn die Jugendlichen sehr traurig sind, sich leer oder gar nichts fühlen. Doch langfristig, erklärt Tina In-Albon, nagt dieser verletzende Umgang mit sich selbst am Selbstbewusstsein, denn der Gedanke, ich habe es wieder nicht geschafft und bin nicht gut genug, ist ein regelrechter Teufelskreis, in dem die jungen Menschen gefangen sind. Was genau selbstverletzendes Verhalten auslöst, darauf hat die Forschung noch keine eindeutige Antwort.

Vermutlich ist es eine Mischung aus hormonellen, biologischen und sozialen Ursachen, und somit der Spagat, unabhängiger werden zu müssen und gleichzeitig noch stark in familiäre Bande eingebunden zu sein. Mit ihrem Team hat Tina In-Albon untersucht, ob sich Jugendliche durch andere zum selbstverletzenden Verhalten anstecken lassen.

Das Fatale für die Betroffenen: Sie geraten in einen Teufelskreis, denn Selbstverletzung wirkt wie eine Droge. Der Schmerz lenkt kurzzeitig ab, Endorphine, also Glückshormone, werden ausgeschüttet, die innere Spannung nimmt ab, Ängste und andere schlechte Gefühle werden vorübergehend gemildert. Zu den Hauptursachen zählen nach heutiger Erkenntnis innerfamiliäre Beziehungen und Konflikte in der Kindheit, insbesondere Formen der körperlichen Misshandlung und des Missbrauchs, Vernachlässigung, aber auch Verlust- und Trennungstraumata.

Menschen, die sich selbst verletzen, befinden sich oft im Zwiespalt, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Sie haben Angst vor zu viel Nähe, aber auch vor dem Alleinsein, sie sind unsicher, neigen dazu, sich in negative Gedanken hineinzusteigern. Ein hoher Prozentsatz der unter Borderline-Störungen leidenden Menschen verletzt sich selbst.