Psychologie heute 1985 sophinette becker
Dort war auch der frühere SDS-Vorsitzende und spätere Kollege Beckers Reimut Reiche engagiert. In Frankfurt würde Becker auch ihren späteren Kollegen und langjährigen Freund Martin Dannecker in dessen damaliger linker Wohngemeinschaft kennenlernen. Der akademischen Karriere mit einer gewissen Verachtung gegenüberstehend, sich dieser nicht ohne Weiteres verschreibend und damit verkaufen wollend, zog Becker für zehn Jahre nach Heidelberg, um dort nach ihrem Studium an der psychosomatischen Klinik zu arbeiten.
Wir hatten mal einen Versuch gemacht, ein Fortbildungsprogramm für Sozialarbeiter zu machen. Die Sozialarbeiter sind nicht sonderlich fortbildungswillig offensichtlich — und wenn, dann streben sie systemische Kurse an, wo sie hinterher irgendein Zertifikat haben, aber das kriegen sie von uns nicht. Also nicht relativ, sondern wir sind politisch, wir haben da eine ganz klare Haltung von der Solidarität mit Menschen, die es schwerer haben in unserer Gesellschaft.
Was versteht Ihr eigentlich unter Institutionen? Ich weiss jetzt nicht, wel- che Texte du meinst. Eine Institution hat von daher immer einen konstruktiven, aber auch den problematischen Aspekt der Gefahr, in eine totalitäre Institution, in eine totale Institution zu kippen; in eine geschlossene Institution, die dann tendenziell paranoisch agiert. Das ist der eine Aspekt.
Die Frage zum Beispiel, wie eine Arbeitsgruppe im Sinne Bions funktioniert, die sich als Arbeitsgruppe einigermassen auf dem Stand halten kann, ohne zu häufig und womöglich dauerhaft in die Position einer Grundannahmengruppe wegzukip- pen, das ist sozusagen die permanente Aufgabe in einer Institution. Oft genug befindet sich eben eine Institution in irgendwelchen Grundannahmen, auch in unserer eigenen Institution zum Beispiel.
Wir mussten uns institutieren, a um zusammen arbeiten zu können, b um die gesellschaftliche Anerkennung und eine ökonomisch tragfähige Position zu bekommen. Wir haben jedoch innerinstitutio- nell eine informelle Struktur der basisdemokratischen Selbstverantwortung und Selbstverwaltung entwickelt — neben den formellen institutionellen Strukturen, die wir haben müssen qua Vereinsrecht und ähnlichen Vorgaben, wie zum Beispiel die gesellschaftliche Erwartung einer Leitungsstruktur.
Ich glaube, das kann man auch nur so sagen, wenn man auf eine bestimmte Art analytisch denkt und wenn man Erfahrung mit Psychose hat. Eine selbstorganisierte Struktur trägt unsere eigentliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jetzt schon seit über zwanzig Jahren, ohne dass es Schismen und Spaltungen und Katastrophen gegeben hat.
Die formelle Struktur greift nur an ganz wenigen Punkten minimal in Form des Vorstands des Vereins ein. Aber die eigentliche Arbeit wird getragen durch eine informelle Struktur, wo leidlich freie und leidlich erwachsene Menschen assoziiert zu einem gemeinsamen Projekt zusammen arbeiten. Über so eine lange Zeit, so glaube ich, gibt es wenig selbstverwaltete Projekte, wo das funktioniert hat.
Da bin ich auch sehr stolz drauf. Das geht nur mit analytischem Verstand, würde ich sagen. Wer ist der Sprenger, was ist der Sprengkörper, wieso kommt man in diesem Fall mit dem Bild der Sprengung, wo es einfach verschiedene Orte sind? Wieso kommen Sie mit so einem aggressiven Bild? Das ist im Grunde genommen mit dem Wort «gesprengt» relativ unglücklich übersetzt oder nicht ganz richtig übersetzt.
Das mit dem Sprengen, dem kann ich persönlich auch aufgrund meiner Biografie, einem spätpubertären politischen Impuls, schon auch etwas abgewinnen. Also gewisse gesellschaftliche Verhältnisse, die platzen nicht nur von alleine auf, die muss man sprengen. Es hat dabei ja einen ausgearbeiteten und sehr komplexen theoretischen Hintergrund bei Mannoni in Bezug auf Lacan und ich denke, das hat es auch in unserem Konzept der drei bzw.
Dabei haben wir das Konzept der gesprengten Institution schon sehr viel handhabbarer gemacht und sehr deutsch—pragmatisch behandelt im Vergleich zu Mannoni, die den Rahmen von Bonneuil so sehr gesprengt hat, dass ich schon sagen würde, da ist mir zu wenig Überblick. Und auch im Einzelnen wie in der Kultur geht es um das Verdrängte, mit dem man sich befassen muss, und ich mich auch damit befassen möchte, damit das Unterdrückte sichtbar wird.
Es geht ja in der ethnopsychoanalytischen Arbeit nicht nur um diese Klienten oder um diese Menschen, sondern um sie und die Dynamiken dieser Gesellschaft und damit um Fragen der Partizipation und des Ein- oder Ausschlusses und damit eben auch ein wenig um Subversion. Natürlich kann ich nicht im Einzelnen meine Subversivität ausüben, aber das ist meine Subversivität, dass ich mich eben mit diesen Menschen befasse und dem Krieg, den sie im Kopf haben.
Man könnte auch nur Medikamente abgeben. Kannst Du mehr dazu sagen, welche Erfahrungen Ihr damit gemacht habt? Das ist uns bis jetzt trotz grosser Verbreitung von den Kurs-Flyern nicht gut gelungen. Das gelingt sehr schwer, weil da eben das Systemische so im Vordergrund ist. Die meisten, die zu unseren Kursen kommen, sind vom PSZ. Das ist eine Realität.
Aber wir bleiben dran, also wir sind wild entschlossen, es weiter zu versuchen und wir werden es auch versuchen. Die Auftraggebenden haben wir bis jetzt nicht gewinnen können, aber wir hoffen immer, dass wir sie über unsere Arbeit gewinnen, über die Qualität von dem, was wir machen. Ich habe den Eindruck, dass da am Anfang die Frage war, was ist denn das?
Inzwischen merke ich, dass man den Namen vpsz kennt. Ich habe irgendwie das Gefühl, da gibt es ein bisschen eine Öffnung von dem klaren analytischen Zweiersetting-Denken. Das spiegelt sich auch in unserer Gruppe. Bei der Gründung waren wir vier und eben ich, als nicht ausgebildete Psychoanalytikerin. Da war stark die Idee, das hat Heini ganz stark vertreten, dass ja Aichhorn auch davon ausgegangen ist, dass man das lernen kann in der Arbeit, dass alle mit diesem Denken arbeiten können.
Da bin ich jetzt eigentlich in der Gruppe die einzige, mit eigener Analyse und Sachen, die ich mir selber angeeignet habe und jetzt in der Arbeit auch lerne. Ich habe natürlich in diesen acht Jahren sehr viel gelernt von den Kolleginnen und Kollegen, in den Auseinandersetzungen und in der Supervision. Das Denken mit der Übertragung und all das war mir am Anfang noch ein bisschen fremd, aber in der Tat finde ich wirklich, dass man das in der Arbeit und in der Auseinandersetzung lernen kann.
Ich bin eben nach wie vor die einzige in der Gruppe, und ich merke schon, dass das in der Gruppe sehr unterschiedlich beurteilt wird. Da muss ich immer sagen, «Hallo, ich bin das nicht! Das ist auch ein Prozess im vpsz.
Psychoanalyse im Widerspruch: Nomos eLibrary
Wir sind da immer wieder am Diskutieren — auch bezüglich der Frage, wen nehmen wir auf. Es gibt einen Teil der Gruppe, der sich wünschen würde, dass noch mehr wie ich dabei sind, also die von einem anderen Ort kommen und das eben lernen. Andere finden, da muss Psychologie dabei sein. Die Stadt unterstützt das natürlich, indem sie sagt, für Familienbegleitung braucht es PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, Sozialpädagogen, Punkt.
Gleichzeitig sieht auch eine andere Organisation, die Familienbegleitung anbietet, ganz klar, dass es auch gut ist, mit Leuten aus der Pflege, weil in den Familien auch immer wieder noch etwas anderes gefragt ist. Das ist ein Knatsch und da sind wir dran. Eigentlich würde ich es gut finden, wenn es noch mehr wie mich dabei gäbe. Das wäre natürlich auch für mich gut, damit ich nicht immer die einzige bin, die kein Psychostudium hat.
Wir haben nur einen Psychologen im Betrieb, der hat Glück, dass er dabei sein kann, gerade weil er nicht so sehr wie ein Psychologe strukturiert ist. In Deutschland ist die universitär gelehrte Psychologie überwie- gend extrem psychoanalyse-feindlich, sicherlich auch aus Gründen der erwähn- ten Ängste. Ansonsten sind wir Sozialarbeiter, Erzieher, Philosophen, Theologen, Lehrer, auch Krankenschwestern.
Wir haben auch Leute, die gar keine Ausbildung haben. Die könnten wir heute nicht mehr einstellen wegen der allgegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Tendenz zur Pervertierung des Begriffs der «Qualität» im Sinn einer Qualitätssicherung. Man ahnt die Angst auch hinter die- sem Sicherungsbemühen. Aber das sind wirklich gute Leute und der entscheidende Punkt bezüglich des Politischen ist, dass bei uns jeder, egal, welche Ausbildung er hat, ob sozusagen auf einem formal niedrigen oder einem hohen Niveau, das gleiche Gehalt kriegt.
Das ist ziemlich altmodisch. Also die Psychologen kriegen nicht mehr als ich. Das ist dann die Ebene von Familienbegleitung, und da kriegen wir alle denselben Lohn. Also man erhofft sich immer noch das Wundermittel, eben auch in der Familienbegleitung. Wie kann man eine Familie möglichst schnell wieder so herstellen, dass sie keine Hilfe mehr braucht.
Sie muss kostengünstig sein, und es wird nicht langfristig gedacht. Das ist ja weit verbreitet in all diesen Bereichen. Inwiefern sind für die Zukunft überhaupt solche aufwändigen Settings, die Ihr habt, noch durchsetzbar, finanzierbar? Also der Nachwuchs bei uns steht jetzt nicht Schlange. Wir arbeiten weniger aufwändig, was die Zahl der Stunden zum Beispiel angeht, weil wir in dieser Art und Weise auch mit viel Supervision sehr zentrieren, fokussieren und nicht mit der Giesskanne die Gaben unserer Präsenz verteilen, das muss man wirklich sagen.
Es war eine der kostengünstigsten Einrichtungen überhaupt, aber wir haben eben gesehen, dass es wirklich eine politische Frage ist und nicht mal das Geld. Das stimmt gar nicht, das ist eine ideologische.
- Denken, Sprechen, Handeln
Letzten Endes sind das ja, wenn man es genauer anschaut, eigentlich kostengünstige Interventionen, das wissen wir alle, die wir mit den Krankenkassen zu tun haben. Aber es ist ja nicht nur das. Ich habe solche Patienten wie zum Beispiel eine schwer traumatisierte Frau aus einem Kriegsgebiet, die hatte einen Mann, der war sicher auch schwer traumatisiert und hat sie so schwer verletzt, dass sie es kaum überlebte.
Das Kind war dabei und lebt jetzt auch in der Unterkunft, in der sie ist. Ich habe gemerkt, dass dort nichts getan wurde. Es gibt niemanden, der sich engagiert, und ich habe dann einfach eine Gefährdungsmeldung gemacht, nämlich, dass die Mutter und das Kind von den Behörden, also von Einrichtung, gefährdet sind, weil die nicht schauen — und dass Mutter und Kind sehr wohl eine gute Beziehung haben, aber dass sie durch die Umgebung, so, wie sie leben muss, gefährdet sind.
Der KJPD und die Jugend- und Familienberatung sowie andere Fachleute mussten eingeschaltet werden. Doch auch dies ging langsam. In der Unterkunft hatte man noch nichts verändert, und die Frau hat sich dann wieder versucht, zu strangulieren. Und das kenne ich, am Anfang des EPZ waren wir zu wenig Leute, nicht qualifiziert, also wir mussten das ja richtig umbauen, in Qualität und Quantität, personell.
Vorher hat- ten wir mehr Morde, Selbstmorde, Verletzungen, Bedrohungen. Als wir dann mehr Leute waren und auch qualifiziert, und diesen lebensweltbezogenen verstehenden Ansatz auch wirklich umsetzen konnten, hat das massiv abgenommen. Also es gibt mehr Verletzungen, es gibt mehr Traumatisierungen und es gibt mehr Gewalt, auch von aussen, auch Interventionen mit der Polizei, wenn das Verstehen fehlt.
Meinen herzlichen Dank für das trotz Panne sehr spannende Interview. Journal für Psychoanalyse RELATED PAPERS. Nicht von jetzt auf gleich?! Wie können Teams Haltungen entwickeln. Festschrift für Rolf Schwendter. Juni Gleichgeschlechtliches Verlangen in der katholischen Kirche. Where have all the trannies gone… Wo sind all die Transen hin? Die TransBewegung der er Jahre in Österreich.
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ÖIF Forschungsberichte, no. Christian Heise über digitales Publizieren in den Geisteswissenschaften. Transkriptionsprotokoll eines Experteninterviews. In: Psychoanalytisches Seminar Zürich Hrsg. Der weibliche Körper. Eine psychoanalytische Perspektive. Stuttgart: Klett-Cotta; 36 Reiche R. Das Geheimnis in der Zündholzschachtel - Gedanken zur latenten Perversion bei der Frau.
Psychoanalytische Therapie sexueller Perversionen. Weiblichkeitsparadigmen in der Psychoanalyse. Psyche ; 39 Sachsse U Blut tut gut. Genese, Psychodynamik und Psychotherapie offener Selbstbeschädigungen der Haut. Probleme der männlichen sexuellen Entwicklung. Versuch über Sexualität und Aggression. Die sexuellen Deviationen und sexuell motivierte Straftaten.
In: Venzlaff U Hrsg. Psychiatrische Begutachtung. Ein praktisches Handbuch für Ärzte und Juristen. Stuttgart, New York: Fischer; Der korrekte Sadismus. Die Memoiren der Angel Stern. Berlin: Ikoo; 44 Sennett R. Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin-Verlag; 45 Simmel E. Neurotische Kriminalität und Lustmord. Manifest sadomasochism of males: Results of an empirical study.
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Erinnerungen an die frühen Jahre 50 Jahre Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt; 50 Uhlmann E. Väterliche Phantasmen im weiblichen Selbst. Mutter, Madonna, Hure. Die Verherrlichung und Erniedrigung der Mutter und der Frau. Waiblingen: Bonz; 52 Wetzstein T A, Steinmetz L, Reis C, Eckert R. Szenen und Rituale. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag; 53 Willenberg H. Artifizielle Erkrankungen in der Dermatologie - ihre Beziehung zu Sucht und Perversion.
Vortrag, International Symposium on Dermatology and Psychiatry, Wien, zit. Übergangsobjekt und Übergangsphänomene. Psychoanalytische Beiträge zur ökologischen Bewegung. Eine Kulturkritik. Eine Antwort an Lorenz Jung, L. Anpassungsprozesse unter politischen Extrembedingungen. Anmerkungen zur politischen Psychologie. Zur Minoritätenfrage in Kärnten. Ernst, Werner W. Ernst Toller.
Herbert Silberer - Führer erster Classe und Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Honorio F. Delgado Vor- und Bekämpfer der Psychoanalyse aus Peru. Hoffnung leben im Jahrhundert der Lager. Dem Sozialpsychologen Ernst Federn zum Psychoanalytische Betrachtungen über das Fortwirken des Nationalsozialismus.
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Österreichische Psychoanalytiker in der US -amerikanischen Emigration. Henry Lowenfeld und die Psychoanalyse in Berlin, Prag und New York. Die Ein Bericht. Ein WERKSTATT Vernetzungs-Brückli. Zum kritischen Kulturvergleich der feministischen Psychoanalyse. Heidegger, Ernst K. Überlegungen eines Psychoanalytikers.
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